G O N G L I N E S

Martin Flach

Lyrische Klangmeditationen mit asiatischen Gongs

 

Über Gongs

Chao-Gongs werden per Hand aus einer Metallplatte getrieben; die Mitte und der nach hinten gebogene Rand sind geschwärzt, dazwischen befindet sich der typische breite und goldglänzend polierte Ring. Die Form des Chao-Gongs bewirkt einen wuchtigen und zentrierenden Klang. 

Feng-Gongs sind leicht gewölbte Scheiben aus poliertem Messing ohne Rand. Diese Form begünstigt die rasche Verbreitung von Vibrationen, so dass der Gong leicht in Schwingung gerät. Sein Klang verhält sich – im Gegensatz zu dem des Chao-Gongs – expandierend. 

Neben diesen beiden bekannten chinesischen Typen mit einem Durchmesser von bis zu über einem Meter finden sich im asiatischen Raum verschiedene kleinere optisch unterscheidbare Varianten:

Der vietnamesische Chieng-Buckelgong hat in der Mitte eine starke Wölbung und einen tiefen und nach hinten gebogenen („gekrängten“) Rand; ein Thai-Gong (auch als Tiger-Gong bezeichnet) zeigt eine ähnliche Form und meist ein glänzend poliertes ringförmiges Muster rund um den Buckel; ein chinesischer Xiang Jai- oder Schamanen-Gong hat neben dem ebenfalls tiefen Rand eine gravierte Rautenstruktur auf der ansonsten ebenen Oberfläche. Darüber hinaus existiert eine Vielzahl verwandter Typen, die zum Teil auch nach westlicher Manier gestimmt hergestellt werden können.  

Wie die Bewegungen eines Pinsels auf einer Palette unterschiedlichste Farbtöne hervorbringen können, so ermöglicht der Einsatz von Klöppeln und Gummibällen in verschiedenen Grössen zahlreiche Variationen und Kombinationen von Techniken für das Anschlagen oder Anreiben der Gongs und damit die Erzeugung unterschiedlichster akustischer Phänomene.

Auf der Basis synkopischer, polyrhythmischer oder schamanischer Anschlagsmuster kann sich durch subtiles Akzentuieren und Dynamisieren eine vielfältige Klangwelt entfalten. Zudem können durch spezielle Anreibetechniken auch verblüffende harmonische Effekte erzielt werden. So können z.B. ein mächtiges Brausen, „seufzende“ Laute, durchdringende einzelne Töne oder auch Akkorde erklingen.

Die intuitive Lautmalerei mit den Schwingungen und Klangfarben der Gongs führt in weiträumige Bereiche zwischen Konsonanz und Dissonanz, durchdringt Schichten aus Grund- und Obertönen und bewegt sich zwischen der Verdichtung und Auflösung von Klanggebilden. Sie führt in die Tiefen des Raumes, kann dadurch leicht Assoziationen von Grenzen- und Schwerelosigkeit hervorrufen und ist daher auch besonders als Begleitung für inneres Reisen und Meditation geeignet.

Das Faszinierende beim Musizieren mit Gongs ist der lebendige, sich ständig erneuernde Dialog zwischen den momentan aktiven Schwingungen und der Sensibilität der spielenden Person. Zwar geht ein erster Impuls immer vom Menschen aus, die Reaktion des Materials ist jedoch nie exakt vorhersehbar. Kreatives Spiel greift die klangliche Beantwortung des ersten Impulses auf, würdigt diese durch bewusstes und behutsames Aufrechterhalten oder Verstärken bestimmter Vibrationen und sendet damit einen nächsten Impuls aus. Die spielende Person ist deshalb nicht als MusikerIn im herkömmlichen Wortsinn zu betrachten; sie ebnet dem Klang die Wege zur Entfaltung durch konstant aufmerksames und sensibles Reagieren. So kann sich der ganze Klangreichtum der Gongs in immer wieder neuen Variationen entfalten, von symphonischen und erschütternden Sequenzen bis hin zu poetischen Momenten berückender und dabei höchst zerbrechlicher Schönheit.

Über Klang und seine Wirkungen

Das Spiel von Klang-Instrumenten ist immer als Angebot zu verstehen: Beim Lauschen und Hinhören...dem Klangmoment nachspüren, seiner Dauer und Qualität - bei Entspannung, Klangmassage und Klangbad...die gleichzeitige Stimulation des Hör- und Tastsinns und die Wirkung von Schwingungen und Vibrationen verfolgen - bei Klangreisen und Meditationen...innere Bilder und Erfahrungen entstehen lassen, kontemplative Übungen intensivieren...etc.

GONGS sind eigentlich zeitgebende Klang-Instrumente und signalisieren Beginn oder Ende eines Geschehens. Die Anwendung bestimmter Spielweisen kann diesen ursprünglichen Zweck umkehren und stattdessen einen Ausstieg aus der alltäglichen ZEIT-Empfindung zugunsten einer intensiv erfahrbaren RAUM-Empfindung ermöglichen. So wird eine z.B. zehnminütige Passage, während der lediglich ein einziges Anschlagsmuster ohne jegliche rhythmische Variation zur Klangerzeugung verwendet wird, in der Empfindung zwei völlig gegensätzliche Effekte hervorrufen:

Aus der Perspektive der ZEIT betrachtet findet einfach gar nichts statt; aus der des RAUM-Gefühls jedoch eine unbegrenzte Erweiterung. Durch das langfristige Beharren auf einem einzigen Anschlagsmuster wird eine bewusste Orientierung der Aufmerksamkeit an rhythmischen Reizen ausgeschlossen; stattdessen kann sich beim Erleben der klanglichen Variationen die Fantasie ungehindert entwickeln und bei entsprechender Bereitschaft und im Zustand tiefer Entspannung intensive emotionale und bildreiche Erfahrungen ermöglichen.

Über mich

Geboren 1958 in Frankfurt am Main, seit 2001 in Nidderau; nach einem Studium der Musikwissenschaften, einiger Praxis in klassischer, elektrischer und digitaler Musik und einer Ausbildung zum Klangtherapeuten widme ich mich seit einigen Jahren dem Spiel von Klang-Instrumenten und habe dabei die faszinierende Klangwelt asiatischer Gongs kennen und schätzen gelernt. Diese zeichnet sich nicht nur durch eine enorme dynamische Bandbreite aus, sondern vor allem auch durch ihren grossen Reichtum an zarten, fragilen und - durch die Mitwirkung von Obertönen - auch an harmonischen Klangbildern.

So wurde das Gongspiel für mich neben der rein musikalisch-spielerischen Aktion auch zu einer Form von Meditation, denn das Spielen (wie auch das Hören) verlangt tiefes Einlassen auf immer wieder Neues und bislang Ungehörtes und damit die achtsame Bereitschaft zur ständigen aufmerksamen Improvisation. Dies ermöglicht auch eine klangliche Untermalung bzw. Unterstützung verschiedenster Arten von Anlässen, Aktionen oder Momenten der Kontemplation durch ein zweckentsprechend abgestimmtes meditatives Spiel.

Die leisen und sanften Klänge der Gongs verstehe ich als Poesie ohne Worte: als Andeutungen, Erahnungen und Erinnerungen übermitteln sie Botschaften aus den Bereichen des Noch-Nicht-Seins und des Nicht-Mehr-Seins; die lauteren, durch perkussives Spiel entstehenden und als eher geräuschähnlich zu beschreibenden Klänge als brodelnde tonale „Ursuppe“, einen unerschöpflichen Fundus an unzählbaren Einzeltönen, mächtig, chaotisch, vielfältig und unbändig wie die grossen Ströme und Ozeane, die Welt, das Universum.

Ein besonderer Reiz liegt für mich auch darin, die Klang-Räume zwischen wechselnden Polen auszuloten: zwischen „schön“ und „unschön“, Ton und Geräusch, Struktur und Fläche. Lyrisches Gongspiel ist deshalb immer eine aus dem Hier-und-Jetzt inspirierte Improvisation und muss dies auch sein, um unvorhergesehene klangliche Nuancen nicht zu übergehen, sondern sie in ihrer Einmaligkeit herausarbeiten und gestalterisch einsetzen zu können.  

Die Idee zu GONGLINES entstand in Anlehnung an die "Songlines" der Aborigines: Die überlieferten Gesänge der Ureinwohner Australiens enthalten subtil in die Liedstrukturen eingearbeitete Landkarten für die Walkabouts, mythische Wanderungen durch den Kontinent, die im Leben der Menschen eine tiefe Bedeutung einnehmen.

GONGLINES führen in den „inneren Kontinent“, unsere inneren Dimensionen. Bei geschlossenen Augen in bequemer Liege- oder Sitzhaltung kann mithilfe der Klänge von Gongs in kurzer Zeit ein Zustand tiefer Entspannung erreicht werden. Von hier aus können wir uns auf die Reise durch unsere inneren Welten begeben, wobei ganz von selbst ureigene bildhafte Vorstellungen und Geschichten entstehen, in die wir unwillkürlich auch persönlich mit eingebunden werden.

Im Unterschied zu den meisten unserer nächtlichen Träume werden Visionen und Erfahrungen während einer Klangreise nach ihrem Ende nicht vergessen. Da es sich um Erlebnisse in einer Trance handelt, um Wach-Träume, sind diese jederzeit erinnerbar und damit eine Bereicherung unseres Alltags-Bewusstseins.

Kontakt: Martin Flach, In der Ecke 2, D-61130 Nidderau, Tel.: 06187-25974, klangundsterne@aol.com